Neu Westend

Ev. Kirchengemeinde Neu-Westend

Eichenallee 47 - 53 * 14050 Berlin
Telefon: 304 41 51
Fax: 301 081 77
E-Mail: info@kg-neu-westend.de

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    Die Neu-Westend-Kirche - ein unbequemes Denkmal?

    So predigt Zacharias Textor, dass die Hütte Gottes

    wie ein Viehstall gebaut werden soll, ´weil auch

    unser Seligmacher im Viehstall geboren ist´“.

    Konrad Sage, in Kunst und Kirche, Jhg. 1957, Heft 1, S.10

     

    „… dass Christus im Stall geboren wurde, weil er

    sonst keinen Raum in der Herberge fand, - das

    begreift ein Gefangener besser als ein anderer

    und das ist für ihn wirklich frohe Botschaft …“

    Dietrich Bonhoeffer, Brief an seine Eltern,

    Gefängnis Berlin-Tegel am 17.12.1943

     

    1) Baubeschreibung

    Die Neu-Westend-Kirche (NWK) ist ein Beton-Stahlskelettbau und hat einen fünfeckigen Grundriss mit teilweise schiefwinkligem Aufriss. Bekrönt wird das Bauwerk von einem aus Trapezen zusammengesetzten, mit Kupferplatten abgedeckten zeltförmigen Dach. Daneben steht ein freistehender Turm aus Beton mit aufgesetztem Glockenstuhl. Die NWK wurde 1958-1960 errichtet, Denkmalstatus erhielt sie 1991. Der Glockenturm wurde – nach Abriss - 1994 denkmalgerecht wiederaufgebaut.

    Warum behandeln wir gerade die NWK unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“ am Tag des offenen Denkmals 2013?

     

    2) Heterotop NWK

    Der Philosoph Michel Foucault hat den Begriff der Heterotopie eingeführt. Herterotope (bedeutungsgeladene „Andere Orte“) sind keine gewöhnlichen Orte, sie sind aber auch keine Utope („Nicht-Orte“ oder utopische Orte), da sie tatsächlich existieren. Beispiele für Heterotope sind Gedenkstätten, Friedhöfe, Theater oder Museen als vom Alltag entrückte Räume.

    Die NWK ist architektonisch/städtebaulich ein Heterotop im „gutbürgerlichen“ Ortsteil Westend.

    Die Gestaltungsregeln der Umgebung wurden bewusst außer Kraft gesetzt, das Bauensemble und der Kirchenbau wurden nicht in das städtebauliche Gefüge von Westend eingepasst. Die Bauregeln dieses Quartiers waren und sind: offene, vom öffentlichen Raum aus sichtbare, breite Vorgärten, dahinter eine Schmuck-Fassade der Villen („Gesicht zur Straße“) und dahinter parkähnliche Gärten. All das gibt es bei der NWK nicht.

    Stattdessen wird der Kircheneingang durch eine schlichte Sichtbeton-Mauer an der Eichenallee vom öffentlichen Raum abgeschirmt. Statt einer „schönen“ Fassade besteht der Eingangsbereich der NWK aus einer Glasfront ohne baulichen Schmuck. Die Bebauung auf der Liegenschaft (Saalkirche, altes Gemeindehaus, Pfarrhaus, neues Gemeindehaus, Turm) ist (halb)kreisförmig um die Kirche und um einen nicht parkartig gestalteten Hof gruppiert. Alle Gebäude um die Kirche herum haben eine einheitliche Dachneigung und sind orientiert an der Saalkirche Ost-West gerichtet, während die NWK selbst nicht geostet ist! Das Ensemble folgt dem Leitbild einer losen „Zeltstadt“ und bildet damit zusätzlich einen Kontrast zu den „in Reih und Glied“ stehenden kompakten Villen.

     

    3) Wie kam es zu diesem exzentrischen Bau und zu diesem Bauensemble?

    Neben der gängigen Herleitung der Zeltstadt und der NWK als Symbol für das biblische Motiv der Stiftshütte (wörtlich: „Zelt der Begegnung“) bzw. des „wandernden Gottesvolks“ soll hier eine ergänzende Erklärung versucht werden, denn der Bau ist auch eine Schöpfung der Hauptprotagonisten, des Architekten und des ersten Pfarrers der NWK.

    Der erste Pfarrer der 1960 fertig gestellten NWK war Winfried Maechler (1910-2003), ein ehemaliger Vikar des von den Nationalsozialisten inhaftierten und ermordeten Wortführers der „Bekennenden Kirche“, Dietrich Bonhoeffer (1906 bis 1945). Maechler, zunächst von1945 bis 1957 Pfarrer der (Alt)Westender Epiphaniengemeinde, sammelte Anhänger Bonhoeffers, aber auch Heimatvertriebene um sich und pflegte interreligiöse und internationale Kontakte. In seiner Biographie beschrieb er seinen politischen Weg vom preußischen Konservativen (bis in die 1920er Jahre), zum weltoffenen Liberalen (30er bis 60er Jahre) und schließlich zum Sozialisten (ab 70er Jahre). Religiös war Maechler zunächst traditionell-lutherisch geprägt, wendete sich dann ab den 1930er Jahren, unter dem Einfluss Karl Barths und Bonhoeffers, stärker einer modernen (reformierten) Liturgie zu und hat dementsprechend eine karge, bilderlose, kanzelzentrische Kirche in der Westender Eichenallee durchgesetzt. Maechler war für moderne Kunst aufgeschlossen. So besuchte er in den 1950er Jahren zusammen mit Sage die Architektur-Ikone der Moderne von Le Corbusier, die Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp. Maechler hat dem Architekten Sage viel Freiraum bei der Gestaltung der NWK gelassen.

    Leitender Architekt der Zeltstadt und des Kirchenbaus war seit 1954 Prof. Konrad Sage. Sage (1911-1989) wurde – nach Abschluss seines Architekturstudiums - unter dem Nationalsozialismus als sog. „Halbjude“ nicht in die Reichskammer der Bildenden Künste aufgenommen und musste sich als „freier Mitarbeiter“ bei dem Industrie- und Lagerbau-Architekten und Verfasser der sehr erfolgreichen „Bauentwurfslehre“, Ernst Neufert, verdingen, bevor er 1944 interniert wurde. Nach dem Krieg wurde er (als politisch unbelasteter Architekt) früh Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin für Architektonisches Entwerfen, Bauwirtschaft und Gebäudelehre und Herausgeber des „Handbuchs der Haustechnik“. Er zeigte bei seinen Industrie- und Kirchenbauentwürfen eine Vorliebe für Dreiecke, Trapeze und unregelmäßige Polygone und bevorzugte neuartige Baustoffe (z.B. erstes Aluminiumdach einer Berliner Kirche auf der Epiphanien-Kirche).

    Beide, Sage und Maechler, empfanden sich im Berlin der Nachkriegszeit als Nonkonformisten und scharten ähnlich Gesinnte um sich. Symbolhaft kann die NWK als Refugium für die im Nationalsozialismus Verfolgten (Juden, Linke, Zeugen Jehovas u.a.) und für die im Dritten Reich verpönten Citoyens (Welt- oder Staats-Bürger, die in der Tradition der Aufklärung aktiv am Gemeinwesen teilnehmen und dieses mitgestalten) stehen, die im „bergenden Zelt“ Schutz suchen und finden können. Dabei wollten Maechler als auch Sage ein „Auditorium“ erschaffen, im besten Geist der (vor)aufklärerischen und reformierten Tradition (Musterkirche ist der Temple de Charenton von 1607, unweit von Paris, ein Forum der Citoyens, die sich um das Wort sammeln). Die NWK ist eine „Prediger-Halle“ in der, nach den Schrecknissen des Dritten Reiches, das Wort gegenüber dem aufgeladenen Kult die Oberhand behalten sollte. Das Stimmungsvolle und das Anheimelnde waren Sages und Maechlers Sache nicht. Bewusst wurde von ihnen eine „stallartige“ Rohbau- Atmosphäre angestrebt; auf bauliche Dekorationen, auf Bilder und Skulpturen wurde fast gänzlich verzichtet. Stattdessen überall am Baukörper spitze Dreiecke, die an Dornen erinnern und die große Geste des bergenden Zeltdaches, das von Außen betrachtet wie ein schwerer Panzer (u.a. mit schuppenartigen Fenstern an der Ostseite) auf der „Rednerhalle“ lastet und von Innen wie ein riesiger Schalldeckel wirkt. Ein Schutz- und Resonanzraum für das von Vernunft (und Glaube!) getragene freie Wort, zudem durch eine Mauer am Eingangsbereich abgeschirmt vom „marktschreienden“ öffentlichen Leben.

     

    4) Für viele in der Gemeinde war die NWK ein Ärgernis

    Pfarrer Beyerhaus schrieb 1961: „Im Frühjahr 1960 konnte das lang ersehnte Gotteshaus …. eingeweiht werden. In seinen eigenwilligen Formen ist es sehr umstritten. Die Skala der Beurteilung reicht von begeisterter Zustimmung bis zu leidenschaftlicher Ablehnung … .“ Im Gemeindekirchenrat fand ein Antrag, der NWK den Namen „Dietrich-Bonhoeffer-Kirche“ zu geben, keine Mehrheit.

    Gerade der unkonventionelle, eckige und windschiefe Bau der NWK mit dem Ambiente eines Hörsaals stieß zunächst bei vielen auch religiös eher traditionsbewussten Westendern auf Ablehnung. Viele Gemeindemitglieder wollten eine Kirche als „Feste Burg“, wie sie in der Kaiserzeit mit den neoromanischen, neogotischen und neobarocken Kirchen in Berlin allerorten errichtet wurden. Man wollte erst recht kein Auditorium für den (aus Dahlem verwiesenen) Studentenführer Rudi Dutschke, der auf Einladung eines Nachfolgepfarrers von Maechler, Manfred Engelbrecht, auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte in West-Berlin in der NWK 1967 eine politische Rede halten durfte und offene Empörung bei vielen Gemeindemitgliedern auslöste, zumal die Bildzeitung fälschlicherweise von einer Besetzung der NWK durch die Studenten schrieb.

     

    5) Wie steht die Gemeinde heute zum Kirchenbau?

    Es scheint, als hätte die Gemeinde ihren Frieden mit der NWK gemacht. Ihr Gebrauchswert wird anerkannt, wenn auch Klagen über konstruktive Mängel und zu hohe Betriebskosten nicht verstummen wollen. Gab es zunächst Protest gegen den Denkmalschutz-Status, der dazu führte, dass der ungeliebte, baufällig gewordene Turm in gleicher Gestalt wieder aufgerichtet werden musste, so regt sich neuerdings Widerstand gegen Pläne, durch Abriss und Neubau die “Zeltstadt“ zu beschädigen. Es scheint, als wäre der symbolische Wert der Kirche und des Ensembles im Bewusststein der Gemeinde angekommen.

     

    6) Einordnung und Nachwirkung

    Die NWK ist zu Recht zum Denkmal erklärt worden, da ihre Protagonisten Maechler und Sage sie – neben dem Zweck der Wort- und Tischgemeinschaft - auch als Ort der Erinnerung für Verfolgte und Verpönte und speziell für den Theologen, Weltbürger und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (dessen Familie von 1935 bis 1951 in Westend, Marienburger Allee 43, wohnte!) geschaffen haben. Parallelen z.B. zu Helmut Strifflers „lieu de mémoire“, die Versöhnungskirche in Dachau (1965 bis 1967), sind unverkennbar (z.B. Verneinung des rechten Winkels, karge Ausstattung).

    Die NWK hat sicher auch auf andere Bauten eingewirkt. Ist es ein Zufall, dass die 1968 fertig gestellte Johanneskirche in Bochum, die einzige Kirche, die der Architekt Hans Scharoun (Erbauer der Berliner Philharmonie) projektiert hat, Gestaltungselemente der NWK enthält?

    Und ist es nicht bemerkenswert, dass Bauideen des Dekonstruktivismus von Konrad Sage zumindest vorgedacht wurden. Auch der Architekt Daniel Libeskind negiert mit seinem Berliner Jüdischen Museum (1995-1998) alle umgebenden Gestaltregeln. Dieses Museum ist ein Heterotop par excellence. Es schlägt wie ein Blitz in die vorhandene Baustruktur ein und das kann man in abgewandelter Form auch für die NWK sagen, denn dort scheint ein Drache auf einem Campus gelandet zu sein.

    Kurt Nelius, Dipl.-Ing. Stadtplaner

    Liane Nelius, M.A. Kunsthistorikerin

     

    Quellen:

    Beyerhaus, Neu-Westend-Gemeinde, in: Zwischen Funkturm und Kirchtürmen, Hrsg. vom Kreiskirchenrat Charlottenburg, Berlin, 1961, S. 55ff

    Bonhoeffer, Dietrich, Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, hrsg. von Bethge, Eberhard, Gütersloh 1983, S. 58f

    Foucault, Michel, Andere Räume, in Aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektive einer anderen Ästhetik, hrsg. von Barck, Karlheinz u.a., 2/91, S. 39ff

    Jedermann, Gerd, Zur Architektur unseres Kirchenbaus; http://www.kg-neu-westend.de/index.php?auswahl=content&HR=2&URID=14&content=32

    Maechler, Winfried, Ein Christ in den Wirren des 20. Jahrhunderts, Stuttgart, 1991, S. 43ff und S. 90

    Mertin, Andreas, Sakralismus, in Tà katoptrizómena 69, 2011 http://www.theomag.de/69/am338.htm

    Nelius, Kurt, Carepakete für die Seele und Hoffnungsträger in Beton;

    Sage, Konrad, Wo steht der evangelische Kirchenbau heute?, in Kunst und Kirche, Heft 1/1957, S. 9 ff

    Strasdas, Rüdiger, Die architektonische Symbolik der Kirchenanlage Neu-Westend in Berlin-Charlottenburg;

     

     

     

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